Pfullinger Geschichten – Der Schönbergturm – das Pfullinger Wahrzeichen

Liebe Pfullingerinnen, liebe Pfullinger, liebe Leserinnen und Leser,

viele Menschen sehen ihn Tag für Tag von ihrer Wohnung oder von ihrem Haus aus, hoch über Pfullingen thronend: den Schönbergturm, erbaut vor 114 Jahren als Aussichtsturm des Schwäbischen Albvereins. Das markante Bauwerk gilt als das Wahrzeichen unserer Stadt.

Durch die Form, die auch architektonisch eine Besonderheit darstellt, ist der Turm einmalig originell. Deshalb wird der Turm im Volksmund schon immer als "Pfullinger Unterhose" bezeichnet, obwohl heutzutage von immer weniger Menschen klassische lange Unterhosen getragen werden. Die meisten unserer Landsleute kennen den Aussichtsturm unter dem so genannten Spitznamen und nicht als „Schönbergturm“.

„Wärmendes Kleidungsstück mit Weitblick für jeden, sorgt dekoriert fürs leibliche Wohl“.

Mit dieser Umschreibung habe ich vor einigen Jahren in einer Radiosendung versucht, unser Pfullinger Wahrzeichen den Hörerinnen und Hörern zu beschreiben. Viele Anrufer wussten natürlich die richtige Lösung, aber die Hörerin aus dem Südschwarzwald, die dann live in die Radiosendung zugeschaltet wurde, entschied sich nach der Hilfestellung durch die Radiomoderatorin „auf ein Kleidungsstück, welches eher untendrunter getragen wird“ letztendlich für die Lösung „Büstenhalter“. Die Hörerin war laut eigener Aussage noch nie im Landkreis Reutlingen, aber vielleicht besucht sie einmal die Region Neckar-Alb, um sich dann auch die „Pfullinger Unterhose“ im Original anzuschauen.

Schon im 19. Jahrhundert war es dem damaligen Obmann des Schwäbischen Albvereins, dem Papierfabrikanten Joseph Krauß, ein großes Anliegen, auf dem Schönberg einen Aussichtsturm zu errichten, damit Wanderer einen Ausblick über die Berge der Reutlinger Alb genießen können. Zu diesem Zweck spendete er 1893 einen Betrag in Höhe von 5.000 Mark. Um weitere Mitstreiter zu gewinnen, wanderte er mit Professor Nägele vom Albverein und Privatier Louis Laiblin von Pfullingen aus auf die Hochwiesen des Schönberges.

Im Jahr 1904 schritt dann der schwäbische Mäzen und Privatier Louis Laiblin, aus der Pfullinger Papierfabrikantenfamilie Laiblin stammend, zur Tat: In Absprache mit dem Schwäbischen Albverein beauftragte er den bekannten Architekten Theodor Fischer mit der Planung für einen Aussichtsturm auf dem Schönberg.

Aber wie kam eigentlich ein so bedeutender Architekt wie Theodor Fischer, geboren 1862 in Schweinfurt, überhaupt nach Pfullingen, damals eine württembergische Kleinstadt mit gerade einmal 7.000 Einwohnern? Denn Fischer zählte zu den einflussreichsten deutschen Architekten vor dem Ersten Weltkrieg. Sein Gesamtwerk umfasst weit über 100 ausgeführte Bauten. So fühlt man sich als Pfullinger in der Erlöserkirche in München-Schwabing oder im Festsaal der Universität Jena schon fast wie zuhause, da einem sofort viele Ähnlichkeiten mit den „Pfullinger Hallen“ auffallen. Sowohl die Arbeitersiedlung Gmindersdorf in Reutlingen als auch einige Schulen in München und Stuttgart hat Theodor Fischer bis hin zur Innenausstattung ins kleinste Detail geplant. Das Kunstgebäude mit dem Hirsch auf der Kuppel am Stuttgarter Schlossplatz ist ebenfalls ein Bau von Fischer, die wuchtige frühere Ulmer Garnisonskirche, die Pauluskirche, ist sogar unserem Schönbergturm nachempfunden. Und jeder Krimi-Fan kennt ein bis heute sehr bekanntes Theodor-Fischer-Bauwerk aus dem Fernsehen: das Münchner Polizeipräsidium in der Ettstraße.

Architekt Fischer war auf Veranlassung von Louis Laiblin mehrfach in Pfullingen aktiv:

Nicht nur die „Pfullinger Hallen“, der Erlenhof, das Schützenhaus und die Arbeiterhäuser in der Hohmorgenstraße haben unsere Stadt und ihre Gemarkung geprägt. Sozusagen als

Krönung hat Theodor Fischer das Wahrzeichen hoch oben über der Stadt gebaut: den Schönbergturm!

Theodor Fischer war als Städtebauer prägend in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, vor allem für München und Stuttgart. Dort unterrichtete er an den Hochschulen Städtebau und Entwerfen. Fischer versuchte, die Architektur aus den städtebaulichen Bindungen und aus der Bautradition einer Region zu entwickeln und mit modernen Elementen zu verbinden.

Louis Laiblin knüpfte den ersten Kontakt zu Theodor Fischer, als dieser ab 1903 die Arbeitersiedlung Gmindersdorf in Reutlingen für die Textilfabrik Gminder plante. Sowohl Laiblin als auch Architekt Theodor Fischer war es sehr wichtig, dass die zu errichtenden Neubauten zum einen ihren funktionalen Zweck erfüllten und sich zum anderen harmonisch in die bestehende Umgebung einfügten und zwar sowohl hinsichtlich der Bebauung als auch der Landschaft.

Die Kombination von zwei Türmen mit oberem Verbindungsbau ist von Theodor Fischer übrigens nicht erst für den Bau des Schönbergturmes entworfen worden. Bereits im Jahr 1895 hatte Fischer diese Idee beim Wettbewerb für den Bau des Völkerschlachtdenkmals bei Leipzig eingebracht. Leider holte er dort nur den 2. Preis.

Den Schönbergturm selbst plante Fischer nach dem Prinzip der "Einbahnstraße" als Doppelturm: Aufstieg in dem einen Turm - Aussicht auf der die Türme verbindenden Plattform – und Abstieg durch den anderen Turm, ohne dass sich die auf- und absteigenden Besucher gegenseitig behindern, denn wir wissen ja, wie lästig Gegenverkehr beim Besuch von Aussichtstürmen sein kann.

Die Art der Bauweise war damals geradezu revolutionär und steckte sozusagen noch in den Kinderschuhen: Eisenbeton, uns heute besser unter der Bezeichnung Stahlbeton bekannt.

Für die Bauausführung beauftragte Fischer die Stuttgarter Baufirma Luipold und Schneider, die bereits Erfahrung in der damals völlig neuartigen Eisenbetonbauweise vorweisen konnte. Fischer vertraute voll auf die Stuttgarter Fachleute. Denn dieses Bauunternehmen errichtete für ihn kurz zuvor ein Lagergebäude für Eisenwarenteile im Stuttgarter Osten. Das dortige Magazingebäude hielt damals völlig problemlos der schweren Belastung stand.

So konnte sich Architekt Fischer mit dieser Erkenntnis guten Gewissens an den Bau des Schönbergturmes wagen, denn er versprach sich durch die neue Bauweise eine bessere Standsicherheit für einen derartigen – rein fachlich gesprochen – hoch aufragenden, schwachwandigen Aussichtsturm. So entstand mit dem Bau des Schönbergturmes der wohl welterste Aussichtsturm in Eisenbetonbauweise.

Der etwas über 26 Meter hohe Schönbergturm besteht aus zwei Stahlbeton-Pylonen, die unten durch einen überdachten Eingang und oben durch eine Galerie miteinander verbunden sind. Beide Pylonen dienen als Treppenhäuser mit getrenntem Auf- und Abstieg.

An jedem Podest in den Pylonen sorgen kleine Fensterchen für die Belichtung; in früherer Zeit waren diese mit Milchglasscheiben versehen, so dass der Besucher die Aussicht erst erblicken konnte, wenn er ganz oben die Plattform erreicht hatte. Dies war von Fischer so gewollt. Theodor Fischer hat die Aussichtsgalerie selbst so gestaltet, dass die Aussicht von oben den Besuchern wie in gerahmten Einzelbildern erscheint.

Eigentlich wollten damals die Verantwortlichen des Schwäbischen Albvereins den Aussichtsturm mehr im mittleren bzw. hinteren Bereich der Hochwiese bauen, damit sich der Turm inmitten der Albberge und nicht am unmittelbaren Rand eines Steilabfalls befindet.

Doch Theodor Fischer als verantwortlicher Architekt hatte großen Wert darauf gelegt, dass der Turm auf dem östlichen Vorsprung der Schönberg-Hochwiese errichtet wird, damit vor allem auch der Ausblick hinunter ins Echaztal ermöglicht wird. Dies war auch die ganz klare Bedingung von Louis Laiblin als „Hauptsponsor“ gewesen.

Denn von seiner Freitreppe der Villa Laiblin in der Pfullinger Klosterstraße konnte und wollte Louis Laiblin damals ganz bequem alle von ihm finanzierten und von Theodor Fischer ausgeführten Bauwerke erblicken können, die „Pfullinger Hallen“, das Schützenhaus und der Schönbergturm lagen sogar in einer Linie.

Während des Zweiten Weltkrieges erhielt der Schönbergturm zum Schutz gegen Luftangriffe einen Tarnanstrich, 1949 wurde er umfassend renoviert. In den letzten Jahrzehnten musste mehrfach die Außenfläche ausgebessert und gestrichen werden.

Dass der wohl welterste Aussichtsturm in Eisenbetonbauweise auch heute noch wie neu aussieht, ist dem Schwäbischen Albverein und hier vor allem der Ortsgruppe Pfullingen zu verdanken, deren Mitglieder den Turm in all den Jahrzehnten ehrenamtlich gepflegt haben. Durch die beiden schlanken Pylonen und den schneeweißen Anstrich wirkt der Turm weitaus höher. Der Turm gibt dem Namen „Schönberg“ die Ehre: Er strahlt und glänzt in weite Ferne.

Theodor Fischer selbst war aber auch aus einem anderen Grund sehr zufrieden. Er hatte es der Stadt Leipzig gezeigt! Während am zukünftigen „Völkerschlachtdenkmal“ noch bis zum Jahr 1913 gebaut werden sollte, hatte er als versierter Architekt seinen Entwurf vom „Völkerschlachtdenkmal“ im schwäbischen Pfullingen bereits schon verwirklicht!

Der Schönbergturm war Erkennungszeichen für die Pfullinger Heimattage 1999 und hat Anfang des Jahres 2006 im Fernsehen mehrfach als ganz besonderes Tor für die Fußballweltmeisterschaft geworben. Im Rahmen des 100. Turmjubiläums wurde der Turm durch die Pfullinger Feuerwehr und die Pfullinger Bergwacht mittels Planen für einige Wochen mit einer richtigen Hose angezogen und abends stimmungsvoll beleuchtet.

Beim SWR steht er als eines der zehn prägenden Bauwerke von Baden-Württemberg.

Die Pfullinger Unterhose hat ihren Platz in einem Krimi über Pfullingen und viele Sportlerinnen und Sportler haben früher am legendären Schwabenbergfest beim Lauf „Rund um den Schönberg“ teilgenommen. Vielen Pfullingern sind noch von früher die leckeren „Schönbergtürmle“ mit einer Pralinenfüllung aus einer hiesigen Konditorei in bester Erinnerung. Eine Miniaturausgabe des Turms steht bereits seit vielen Jahren in der „Miniwelt“ unserer Partnerstadt Lichtenstein/Sachsen.

Neuerdings lässt sich der Schönbergturm auch sehr bequem in Form eines handwerklich sehr originell gestalteten Sitzmöbels erleben, entworfen und hergestellt durch einen Pfullinger Raumausstattungsbetrieb mit moderner Polsterwerkstatt. Ganz aktuell ist dort auch, allerdings mit sehr ernstem Hintergrund, ein weiteres Produkt entstanden: eine Mund- und Nasenmaske, quasi eine Art „Pfullinger Unterhose für das Gesicht“.

Eines funktioniert allerdings nicht: bei der Anfahrt auf die Höhen der Pfullinger Wanne zum Wanderparkplatz reagiert das Navi nicht auf den Begriff „Pfullinger Unterhose“. Besser beraten ist der/die Fahrzeuglenker/in mit der Eingabe „Schönbergturm Pfullingen“.

Erlebenswert pur ist eine Wanderung direkt von Pfullingen aus über die „Wanne“ hoch zum Wahrzeichen. Und immer, wenn schon von weitem die Fahne des Schwäbischen Albvereins oben am Turm wehend sichtbar ist, wissen nicht nur die Kinder: dann wartet der fahnendekorierte Turm mit einer weiteren Besonderheit auf: „im Fuß des Turmes“ gibt es eine zünftige Bewirtung zu fairen Preisen mit Grillgut und Getränken für die großen und kleinen Wanderinnen und Wanderer…

Sie können das „Pfullinger Wahrzeichen“ auch momentan verantwortungsbewusst und unter Beachtung der aktuell geltenden Vorsichts- und Sicherheitsmaßnahmen in Verbindung mit dem notwendigen Sicherheitsabstand besuchen, denn von der Galerie des Schönbergturms aus lässt sich die Aussicht zu jeder Jahreszeit bei entsprechend gutem Wetter immer wieder neu genießen: eine grandiose Landschaft wie in gerahmten Einzelbildern…

Im Namen der UWV Pfullingen wünsche ich Ihnen eine behütete Zeit – passen Sie auf sich und ihre Mitmenschen auf – und vor allem: bleiben Sie gesund!

Ihr Martin Fink




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